Alte Kanzlei

Grüner Salon

Der Grüne Salon ehrt den Nationaldichter: v.l.n.r. Matthias Lincke (Geige), Gottfried Keller (Büste) und János Stefan Buchwardt (Stimme)
Monika Flieger und der Hausherr träumen Dostojewskis Traum eines lächerlichen Menschen.
Brütende Hitze im Sommer 2018! – Kann es etwas Passenders geben, für eine Handlung, deren Schauplatz das sommerliche Italien ist?
Edmauro de Oliveira und János Stefan Buchwardt lassen das Publikum mit Shakespeares Sonetten und Dowlands Lautenkompositionen ins elisabethanische Zeitalter eintauchen.
Mit ihrem Gesang greift Gabriella Azoulay die Stimmung aus Tschechows Erzählungen auf. János Stefan Buchwardt liest dieselben.
Der Bratschist Ion Precup und der Erzähler János Stefan Buchwardt versenken sich in Robert Walsers detailverliebte Texte.
Schaurig bis skurril: Buchwardt fesselt das Publikum mit seiner Darbietung eigentümlicher Erzählungen.
Literaturgeschichte in der Alten Kanzlei: János St. Buchwardt und Michael Jaeger interpretieren «Bartleby, der Schreiber».

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Beschwören der Bilder, das ist Literatur

Das Werk eines Wort-Monomanen

Kuno Raeber

Der Luzerner Kuno Raeber (1922–1992) war für kurze Zeit Novize bei den Jesuiten, danach Universitätshistoriker. Ab Ende der 1950er Jahre lebte er nur noch für sein Werk, das die Sprachbaukunst in den Mittelpunkt stellt. Zuerst erfolgreich als Lyriker bei der Gruppe 47, befreundet mit Bachmann und Enzensberger, macht seine Prosa Kuno Raeber zum Aussenseiter. Unter dem Eindruck von Ovid und Borges schichtet er in seinen enormen Wortgebirgen Vergangenheit und Gegenwart übereinander wie in einem Palimpsest und lässt Gestalten aus Mythos und Wirklichkeit, aus Innen- und Aussenwelt im Maskenspiel der Kunst ineinandergleiten. Ab den 1980er Jahren schrieb er wieder Gedichte. (edition text+kritik)

Auszug aus «Panathenäen»

«Als der Vulkan seine Natur, die er jahrhundertelang versteckt hatte, brummend offenbarte und die Wolkendecke seinen Groll widerspiegelte, erbrachen sie die Kirchen, rissen von den Altären und aus den Sakristeien die silbernen Kopf- und Büsten- und Vollreliquiare und die Glasschreine mit den zähnebleckenden und edelsteingespickten Gebeinen, trugen sie auf den Hauptplatz, stellten sie zu den grossen Kerzen: den Osterleuchtern aus den Apsiden, den Taufkerzen aus den Baptisterien, den Votivkerzen aus den Gnadenkapellen und zogen dann, mit allem beladen, in feierlicher Ordnung, wenn auch schwitzend, die vielen Windungen der Strasse über Bergzehen und –fuss bis zum Stachelbuschwald hinauf. Dort hoben sie laut zu singen an, als ob sich die Gabeläste und Stachelzweige, welche die Kreuze, Fahnen, Reliquiare und Lichter bedrängten, damit zurückschlagen liessen. Doch wenn auch manche Silberbacke eine Ohrfeige einstecken musste und mancher Docht zerquetscht wurde, am Ende erreichten sie ihr Ziel, und alle Behältnisse, geschmückten Skelette, Leuchten und Lampen drängten sich im Grabhaus um die Bahre der Grosspatronin und Präsidentin aller Stadtheiltümer; die den Gnadenbildern abgenommenen silbernen, goldenen, wächsernen und tönernen Votivherzen, -beine, -arme, rümpfe, -wickelkinder und -krücken häuften sich um den Katafalk. …»

Kuno Raeber, Missverständnisse, Werkausgabe Bd. 2, Seite 415 - 416

Herzlich willkommen im Grünen Salon: Nehmen Sie Platz, wo Wort und Musik sich die Hände reichen!